Von Kakania nach Brüssel: Musil und die Gefahren einer elitären Verkrustung
Genauso wie Weimar so zieht auch die EU den Rechtspopulismus selber gross
Die größte Gefahr einer eigenschaftslosen Zeit liegt darin, dass Urtriebe wie Patriotismus und Nationalismus wieder aufkeimen – ein Gedanke, der in Robert Musils Meisterwerk »Der Mann ohne Eigenschaften« zentral ist.
Musil stellt Szenen dar, in denen jungpatriotische Nationalisten mit kämpferischen Parolen nach politischen Umwälzungen rufen. Dies ist eine deutliche Anspielung auf den Aufstieg der Nazis in der Weimarer Republik.
Literaturkritiker greifen gerne auf Musils satirisch aufgeladene Schilderung des damaligen Zeitgeists junger Menschen zurück, um die aktuelle politische Lage zu kommentieren – meist mit bevormundender Kritik am Aufschwung rechtspopulistischer Bewegungen wie der AfD in Deutschland.
Doch das ist nur ein erster, oberflächlicher Einstieg in die Kritik der gegenwärtigen europäischen Politik. Zwar mag es stimmen, dass die AfD – ähnlich wie die Figur Sepp in Musils Roman – mit simplen, flachen Argumenten auftritt, um sich ins Rampenlicht zu stellen. Aber Musil beleuchtet auch die Kehrseite: die verkrustete, selbstverliebte Bürokratie des spätkaiserlichen Regimes. In der grotesken „Parallelaktion“ entlarvt er einen aufgeblasenen Apparat, der sich in endlosen Kommissionen, Protokollen und Feierlichkeiten selbst bespiegelt, während er jeden Bezug zur Realität verliert. Diese satirische Darstellung einer inhaltsleeren, sich selbst perpetuierenden Elite erinnert frappierend an die heutige Europäische Union: Hier grassiert ein Regulierungswahn von pathologischer Pedanterie, der jede unternehmerische Initiative und politische Vision im Keim erstickt.
Genau diese in sich versunkene Regierungselite ist wohl eine der Hauptursachen für den wachsenden Rechtspopulismus in Europa. Ähnlich wie in der Weimarer Republik fühlen sich viele junge Menschen heute desillusioniert und suchen in einer dynamischen, doch zunehmend sinnentleerten Welt nach Halt und Bedeutung. Musil greift in seinem Roman nicht nur den keimenden Jungnazismus an, sondern enthüllt ebenso die Gefahren einer lethargischen, selbstbezogenen Elite.
Dieser kritische Aspekt des Werks wird jedoch in linksdominierten Medien und Literaturkreisen häufig übersehen. Während die intellektuelle Szene schnell mit herablassendem Spott auf rechtspopulistische Tendenzen reagiert, fehlt eine ebenso scharfe Kritik an der versteinerten EU-Elite, deren träge Selbstverliebtheit direkt zum Aufstieg des Populismus beiträgt.
Fruchtbare politische Debatten entstehen erst, wenn beide Seiten zur Selbstreflexion bereit sind. Genau dazu lädt Musils Roman ein: Er bietet nicht nur eine treffende Analyse der Moderne, sondern auch ein zeitloses Bild einer offenen Gesellschaft, deren größte Bedrohung darin liegt, den Dialog mit der Jugend zu verlieren.
